
Das Spiel überlebt. Was stirbt, ist der Beweis, dass jemand da war.
Zwei Game-Boy-Module, derselbe Titel, dasselbe vergilbte Plastik. Ich stecke das erste an, und im Speicher steht noch etwas: ein Name in Großbuchstaben, ein Geldstand, ein Zähler mit gespielten Stunden, der irgendwo im zweistelligen Bereich stehengeblieben ist. Ich stecke das zweite an, und da ist nichts. Nicht defekt, nicht zerkratzt, nichts Dramatisches. Nur leer.
Der ganze Unterschied liegt in einer Knopfzelle, die kaum größer ist als ein Ein-Cent-Stück. In dem einen Modul hat sie ein paar Jahre länger durchgehalten als in dem anderen, und das ist die ganze Erklärung. Ich kaufe gebrauchte Sammlungen an, deshalb liegen solche Paare bei mir regelmäßig nebeneinander auf dem Tisch. Den Unterschied zwischen ihnen finde ich jedes Mal größer, als er technisch ist.
Die Zelle, die fast niemand richtig benennt
Wer nachschlägt, welche Batterie in einem Game-Boy-Modul steckt, bekommt fast überall dieselbe Antwort: CR2025. Diese Antwort wandert seit Jahren von Seite zu Seite, und in den meisten Fällen stimmt sie nicht.
Der Regelfall ist die CR1616. Ich sage das ausdrücklich nicht aus meinem eigenen Regal heraus, dafür ist mein Bestand viel zu klein. Was ich selbst zählen kann, ist die Liste der europäischen Titel mit Speicherbatterie, und da komme ich nach eigener Durchsicht auf gut hundertfünfzig. Welche Zelle jeweils verbaut ist, steht dagegen in einem offenen Archiv von Platinenfotos, der Game Boy hardware database. Dort, wo der Typ per Foto belegt ist, liegt das Verhältnis grob bei drei zu eins zugunsten der CR1616. Die CR2025 gibt es durchaus, sie sitzt sogar in einigen der bekanntesten Module, aber sie ist die Ausnahme und nicht die Regel.
Damit ich hier nicht selbst die nächste Falschmeldung starte: das gilt für Game Boy und Game Boy Color, sonst nichts. NES und SNES arbeiten mit der CR2032. Beim Nintendo 64 gilt das ausschließlich für die Titel, die ihren Spielstand im SRAM ablegen, und das sind längst nicht alle. Wer die Game-Boy-Zahl auf das ganze Nintendo-Universum überträgt, macht exakt den Fehler, den ich gerade beschreibe.
Mich interessiert daran ehrlich gesagt weniger die Technik als der Mechanismus dahinter. Eine falsche Angabe wird einmal geschrieben, hundertmal kopiert und irgendwann zur Wahrheit, weil die Quelle nicht mehr auffindbar ist. Das ist derselbe Vorgang wie bei der Zelle selbst: was niemand nachprüft, verfällt still. Es sieht nur länger heil aus.
Dasselbe Spiel, zwei Innenleben
Ein Detail mag ich besonders, weil es sich jeder Systematik verweigert: das Batterieformat kann sich innerhalb desselben Titels nach Sprachversion unterscheiden.
Bei Pokémon Rot und Blau sitzt in den englischen europäischen Prints eine CR2025, in den deutschen und den französischen eine CR1616. So steht es in den Platinenfotos derselben Datenbank, und es widerspricht der Faustregel, die in der Szene herumgereicht wird. Als Gesetz würde ich es trotzdem nicht formulieren, denn solche Dinge können auch von der Druckauflage abhängen. Wer sicher sein will, muss in sein eigenes Modul schauen.
Gleiches Spiel, gleiches Jahr, gleicher Kontinent, dasselbe Regal im Kinderzimmer. Aber je nachdem, in welcher Sprache damals gespielt wurde, läuft in dieser Kindheit ein anderer Countdown. Warum, kann ich nicht erklären. Ich vermute schlicht andere Fertigungslinien, andere Chargen, jemand hat genommen, was gerade da war. Es steckt keine Bedeutung darin. Es erinnert mich nur daran, dass das hier keine Konzepte sind, sondern Industrieprodukte, bei denen der Zufall mitgebaut hat.
Der Verfall ist ungleich verteilt
Es gibt einen Reflex, der mir oft begegnet: alles Alte stirbt, alle Spielstände sind irgendwann weg. So stimmt das nicht, und die Wahrheit finde ich interessanter.
Beim Game Boy Advance speichern die allermeisten Titel in Flash oder EEPROM. Die brauchen für den Spielstand gar keine Batterie und verlieren ihn auch ohne eine nicht. Rubin, Saphir und Smaragd haben zwar eine Zelle, aber die versorgt nur die interne Uhr. Der Spielstand bleibt also stehen, was stirbt, sind die Dinge, die an der Zeit hingen: Beeren, die nicht mehr wachsen, Ereignisse, die ihren Tag nicht mehr finden. Nur eine kleine Gruppe von GBA-Modulen legt den Spielstand tatsächlich in batteriegestütztem SRAM ab, und dort ist er weg, sobald die Zelle durch ist. Beim Nintendo 64 dasselbe Muster: Majora’s Mask speichert im Flash und hat überhaupt keine Zelle, Ocarina of Time dagegen schon.
Vergänglichkeit ist also nicht gleichmäßig verteilt, und von außen sieht man einem Modul nicht an, auf welcher Seite es steht. Niemand hat das damals als Entscheidung über Erinnerung verstanden. Es war eine Entscheidung über Cent-Beträge pro Einheit, getroffen in einer Kalkulation, in der das Wort Erinnerung nicht vorkam. Was heute bleibt und was verschwindet, hat selten mit Wert zu tun. Es hat mit der Bauart zu tun, und die Bauart hat sich niemand ausgesucht.
Die zweite Zählung
Es gibt eine zweite Art, dem Verschwinden zuzusehen, und die ist mir erst aufgefallen, als ich meinen eigenen Katalog durchgerechnet habe: 706 Artikel mit Preis, Stand 16. Juli 2026.
Von den Game-Boy-Artikeln, Color mitgezählt und Hardware eingerechnet, sind knapp 48 Prozent derzeit ausverkauft. Bei der PlayStation 3 sind es gut 12 Prozent. Das ist eine Momentaufnahme meines eigenen Regals an einem Stichtag, kein Marktwert, und die Tabelle dahinter ist öffentlich einsehbar. Zwei Einschränkungen gehören dazu: Hardware verschwindet bei mir schneller als Software und zieht die Game-Boy-Zahl damit nach oben, und wenn ich nur Spiele zähle, bleibt der Abstand trotzdem deutlich.
Erklären kann ich ihn nicht sauber. Der naheliegende Schluss wäre Modul gegen Disc, und ich habe das selbst schon so erklärt. Meine eigenen Zahlen geben das nicht her: der Game Boy Advance ist auch ein Modulsystem und liegt bei rund 16 Prozent, also unter dem scheibenbasierten GameCube. Was ich anbieten kann, sind Vermutungen. Nintendo hält seinen Wert, das sieht man fast überall. Auflagen und Nachfrage verteilen sich über die Generationen völlig unterschiedlich. Und je älter etwas ist, desto mehr davon ist längst durch Umzüge, Sperrmüll und feuchte Keller verschwunden, bevor überhaupt jemand auf die Idee kam, es aufzuheben. Sicher weiß ich es nicht, und ich schreibe es deshalb als Beobachtung hin und nicht als These.
Was ich nicht sage
Ich schreibe hier bewusst nicht, was du mit einem Modul machen sollst, dessen Zelle durch ist. Aufmachen, tauschen, liegenlassen: das ist deine Sache und dein Stück Plastik. Ich bin dabei außerdem nicht neutral, denn ich tausche solche Zellen selbst, gegen Aufpreis, wenn ein Kunde das möchte. Genau deshalb halte ich mich mit Empfehlungen zurück und bleibe beim Beschreiben.
Beschreiben kann ich das Muster, das mir beim täglichen Umgang damit auffällt. Der ROM-Teil, also das Spiel selbst, ist bemerkenswert zäh. Ich stecke regelmäßig Module an, die aussehen, als hätte jemand Kaffee darübergekippt und sie danach zwanzig Jahre in einen feuchten Keller gelegt, und sie starten einfach. Was stirbt, ist die Schicht darüber. Die Schicht, in der stand, dass jemand da war.
Was wirklich verloren geht
Ein Modul mit leerem Speicher ist voll funktionsfähig und gleichzeitig anonym geworden. Es kann alles, was es am ersten Tag konnte. Es weiß nur nicht mehr, wer damit gespielt hat. Und der Übergang passiert lautlos, irgendwann in einem Karton, in dem nichts angeschlossen ist und niemand zuschaut.
Deshalb halte ich kurz an, wenn im Speicher noch etwas steht. Nicht aus Sentimentalität, sondern weil das der einzige Teil ist, der wirklich verloren gehen kann. Alles andere an so einem Modul lässt sich ersetzen, nachpressen, neu auflegen, notfalls emulieren. Das Spiel ist gesichert, mehrfach, von Leuten, die genau dafür sorgen. Der Zähler, der bei einer bestimmten Stundenzahl stehengeblieben ist, weil dort jemand aufgehört hat, ist es nicht.
Über den Autor:
Emilio betreibt RetroSoulsborne, einen niederländischen Onlineshop für originale PAL-Retrospiele, Konsolen, Zubehör und Anleitungen von Nintendo, Sony und Microsoft. Er kauft gebrauchte Sammlungen an und nimmt jedes Stück selbst in die Hand; die Module, um die es hier geht, stehen bei ihm in der Game-Boy-Abteilung. Beobachtungen und Zahlen in diesem Text stammen aus dieser Praxis.
