
Gaming Stories – Last Game Standing
LGS – ein Podcast, der Spiele mit scharfem Witz, ironischen Wortgefechten und Liebe zur Spielekultur auf spezielle Weise verhandelte.
Es war zu der Zeit, als der Markt bereits voll war mit unzähligen Gaming-Podcasts und alle möglichen Formate. Reviews, Neuigkeiten, Retro – alles war da, alles wurde bereits besprochen.
Und dann kam Last Game Standing. Ein Podcast, der sich ganz bewusst jeder dieser Kategorien entzog. Von 2019 bis 2024 erschienen stolze elf Staffeln. Hier wurde Gaming nicht einfach besprochen, sondern verhandelt. Mit spitzer Argumentation statt Metacritic-Werten. Und mit einer Kampfeslust, die gelegentlich an die Grenze des Vernünftigen ging.
# Lieber hören? Den Podcast zum Artikel gibt’s hier.
Spiel vs. Spiel
Die Grundidee war ebenso einfach wie absurd: Aus einem Themengebiet ausgewählte Spiele traten gegeneinander an – Runde um Runde – bis im Finale das Siegerspiel der Staffel gekürt wurde. Der Weg dorthin führte durch heiße Wortgefechte über Mechaniken, Erinnerungen und Designentscheidungen. Es war nicht nur ein Wettbewerb. Was hier stattfand, war gleichermaßen kulturelle Spiele-Autopsie.
Getragen wurde das Format von zwei Stimmen, die sich auf bemerkenswerte Weise ergänzten: Christian Schiffer und argumentiert Christian Alt.
Christian Schiffer unter anderem bekannt als Herausgeber des ehemaligen WASD-Bookazines. Er ist jemand, der Spiele seit Jahren nicht nur spielt, sondern in Schiffers Spielebude bespricht und pointiert bewertet. Schiffer argumentiert gern spitzbübisch frei von der Leber weg, ebenso häufig aber mit präziser Beobachtung. Klar, analytisch und scharfkantig.
Aus einer anderen, nicht minder tiefen Richtung argumentiert Christian Alt. Auch er hat Spiele in allen Aggregatzuständen erlebt: als Hype und Enttäuschung, als Klassiker oder als Fußnote. Er weiß, wie Spiele funktionieren und sich anfühlen. Seine Argumente sind erfahrungsgetränkt und fundiert.
Von der Magie des ironischen Wortgefechts
Zwischen diesen beiden entstand die eigentliche Magie von Last Game Standing. Echte Gespräche auf Augenhöhe – oder besser: gewitzte Wortgefechte. Widerspruch war kein Zufall, sondern Methode. Meinungen wurden hart verteidigt, Hypothesen gezielt aufgestellt, um sie angreifbar zu machen. Man konnte miterleben, wie Gedanken eskalierten und bewusst wieder ad absurdum geführt wurden.
Beide waren bereit das ihnen zugeloste Spiel kompromisslos gegenüber dem anderen zu verteidigen. Sie nahem die Spiele ernst, ohne sich selbst dabei zu ernst zu nehmen. Der Ton blieb immer klug, der Spaß dabei herrlich dumm. Eine vergleichbare Form der Auseinandersetzung mit Games hatte es bis dahin nicht gegeben.
Noch mehr dummer Spaß mit klugen Leuten
Ein wichtiger Bestandteil war auch die Community. Welches Spiel in die nächste Runde einzog, entschieden die Forenteilnehmer. Sie gaben ihre Stimme für die überzeugendere Argumentation. Und auch die Community mischte sich ein: mit leidenschaftlichen Kommentaren, mitreißender Überzeugungsarbeit und scharf geschliffenen Memes. Bissig und polarisierend, aber immer heiter, wurde für den eigenen Favoriten geworben.
Jedes Duell war ein Anlass, sich tief in die Spiele zu verbeißen. Warum fühlt sich eine Mechanik bedeutungsvoll an – oder eben hohl? Wann entfaltet eine Geschichte echte Wucht, und wann ist sie einfach Quatsch? Weshalb behauptet sich das eigene Spiel in der kollektiven Erinnerung, während das gegnerische nur aus schlechten Ideen besteht?
Spielekultur und Chaos
Es ging immer darum, für den eigenen Kandidaten eine Überlegenheit zu erkämpfen und dabei das andere auf launige Weise ein bisschen schlechtzureden. Wie darüber debattiert wurde, war besonders. Mal laut, mal leise. Mal kampfbetont, mal gelassen – aber immer mit echter Reibung. Argumente dienten nicht der Erklärung, sondern dem Sieg. Jedes Mittel war erlaubt, um die Community auf seine Seite zu ziehen, was dem eigenen Spiel half, die nächste Runde zu erreichen. Das führte zu einzigartigen Gesangseinlagen, tiefgründigen Gedichten und zu skurrilen Momenten, in denen jede argumentative Würde mit Ansage geopfert wurde. Aufgestellte Regeln wurden gebrochen und im gleichen Atemzug mit feiner Ironie wieder eingefordert.
Vielleicht liegt der größte Verdienst von Last Game Standing darin, zu zeigen, wie man sich mit Spielen auseinandersetzen kann, ohne die üblichen Muster des Gaming-Diskurses zu bemühen. Schiffer und Alt konservierten so auf ihre ganze eigene Weise Gaming-Wissen: nämlich als lebendige Momentaufnahme aus Erfahrung und klugem Widerspruch. So zeigten sie, dass der Spielekultur auch aus ungewohnt andersartigen Blickwinkeln Ausdruck verliehen werden kann.
Nicht massentauglich, dafür authentisch
Legendär sind auch die ungewollten und absichtlich unkorrigierten Missgeschicke. Etwa Darkest Dungeon gegen Darkest Dungeon. Ein Duell, bei dem Schiffers erklärtes Lieblingsspiel gegen sich selbst antrat.
Neben den gekürten Siegern ist noch etwas anderes geblieben: ein Archiv aus kontroversen Gedanken und humorvollen Perspektiven. Und die Erkenntnis, dass Spiele auch einfach mal Kunstscheiße sein können und nicht nur Unterhaltungscontent.
Last Game Standing war ein Podcast, der unumstößlich klärte, welche Spiele die besseren sind – natürlich immer mit einem Augenzwinkern. Vor allem aber zeigte er einzigartige, einfallsreiche Wege, sich mit Gaming auseinanderzusetzen. Nicht jeder fand einen Zugang zu diesen speziellen Wesenszügen des Konzepts. Wer es aber tat, hatte damit den Spaß seines Lebens.
Eine Ära endet
Inzwischen gilt der Podcast als eingestellt. In der Fan-Gemeinde taucht gelegentlich der Wunsch nach einem Comeback auf.
Aber vielleicht ist es auch gut so, wie es ist. Behalten wir Last Game Standing lieber genauso in Erinnerung, wie es war. Manche Dinge wirken gerade deshalb so stark nach, weil sie eben nicht neu verhandelt werden.
Last Game Standing bleibt uns als außergewöhnliche Ära in Erinnerung.
Und vielleicht liegt am Ende genau darin seine wahre Stärke.
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