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Alter Zocker oder zu alt zum Zocken? – Teil 1

Alter Zocker oder zu alt zum Zocken? – Teil 1

Vorwort: Als „Zocker“ würde ich mich normalerweise nicht bezeichnen, aber für diese Kolumne darf das schon mal so sein. Und die ist gleich ein Zweiteiler geworden. Warum? Ich war selbst überrascht, wohin mich die Gedankenreise geführt hat und wie aus einer einfachen Frage irgendwann ein Umfang wurde, den ich niemandem am Stück zumuten wollte. Lange warten müsst ihr aber nicht, denn beide Teile erscheinen direkt hintereinander und gehören auch gedanklich unmittelbar zusammen.

Interessant war dabei vor allem die Wirkung auf mich selbst. Einige meiner Gedanken musste ich erst einmal geschrieben vor mir sehen, um sie wirklich zu Ende zu denken. Eine Art Selbstberatung also. Deshalb möchte ich behaupten, dass diese Kolumne ein bisschen von jener Weisheit enthält, von der man sich mit steigendem Alter zumindest einredet, sie zu besitzen.

Der Umgang mit Zeit und Sorgen, die uns den lockeren Zugang zum Spielen erschweren, lässt sich im Grunde auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Trotzdem bleiben wir beim Thema Spielen. Wer daraus noch etwas für den Rest des Lebens mitnimmt, darf das gerne tun.

Im ersten Teil geht es darum, warum sich Spielen heute manchmal schwieriger anfühlt als früher, obwohl die Begeisterung dafür eigentlich noch da ist.

Bin ich ein alter Zocker …?

Ich bin sicher nicht der Erste, der über dieses Thema nachdenkt, und vermutlich auch nicht derjenige, der hier die große Erleuchtung bringen wird. Aber je älter ich werde, desto stärker beschäftigt mich die Frage. Deshalb habe ich mich etwas intensiver damit auseinandergesetzt und versucht herauszufinden, warum es vielen von uns im vollgepackten Erwachsenenleben zunehmend schwerfällt, uns unbeschwert einem Videospiel hinzugeben.

Ich bin ein alter Zocker. Das lässt sich inzwischen kaum noch bestreiten. Ich habe an Arcade-Automaten gespielt, Spiele von Kassetten und Disketten geladen, Spielstände mit kryptischen Level-Codes gesichert und Anleitungen gelesen, weil darin tatsächlich Dinge standen, die man zum Spielen wissen musste. Ich habe genug digitale Welten bereist und teilweise gerettet, um mich guten Gewissens einen alten Zocker nennen zu dürfen.

Aber bin ich deshalb auch zu alt zum Zocken?

Manchmal fühlt es sich ein bisschen so an. Nicht unbedingt, weil die Reflexe nachlassen oder moderne Spiele plötzlich unverständlich geworden wären. Videospiele machen mir noch immer Freude. Es wird nur zunehmend schwieriger, die Voraussetzungen dafür herzustellen.

Als ein Nachmittag noch ein Nachmittag war

In der Schulzeit war Zeit unglaublich elastisch. Natürlich gab es Hausaufgaben, Abendessen und irgendwann Eltern, die der Meinung waren, dass dieser Computer für heute lange genug gelaufen sei. Trotzdem konnte ein Nachmittag erstaunlich groß sein.

Man kam nach Hause, warf den Heimcomputer oder die Konsole an und befand sich wenig später in einer anderen Welt. Vor allem war man dort dann auch wirklich.

Allein das Laden von Spielen dauerte gefühlt eine halbe Ewigkeit und war dennoch Teil des Rituals. Wenn ein Spiel seine Mechanik nicht erklärte, verwendete man eben die nötige Zeit, um sie zu verstehen. Brauchte ein Gegner zehn Versuche, bekam er zehn Versuche. Der Gedanke, dabei Zeit zu verschwenden, stellte sich kaum. Davon schien schließlich genug vorhanden zu sein.

Vielleicht lag es aber gar nicht nur an der freien Zeit. Unsere reale Welt war meist überschaubarer. Natürlich konnte eine bevorstehende Klassenarbeit damals gewaltig erscheinen. Es gab Ärger mit Freunden und Hausaufgaben warteten. Aber wie viele wirklich eigene Lebensbaustellen waren gleichzeitig geöffnet? Für vieles, was ein Erwachsenenleben kompliziert macht, waren im besten Fall noch andere zuständig.

Selbst die Schule war für unser Hobby erstaunlich durchlässig. Auf dem Pausenhof wurde über das ungeknackte Rätsel des aktuellen Adventures gesprochen, jemand wusste, wie man an dieser vermaledeiten Stelle weiterkam, und Spiele wurden verliehen oder getauscht – mitunter auch auf Wegen, über die wir heute lieber schweigen.

Spielen begann deshalb nicht erst nach dem Ende aller Verpflichtungen. Es war Bestandteil des Alltags. Zu meiner Zeit war man mit so einem Hobby eher Außenseiter. Heute ist das fast kurios: Damals musste man sich gesellschaftlich dafür rechtfertigen, dass man spielte. Heute muss ich mich manchmal vor mir selbst dafür rechtfertigen, wann ich spiele.

Später, in Ausbildung oder Studium, wurde die Zeit knapper, aber Spielen war längst in der Freizeit verankert. Man konnte einen Abend oder notfalls eine halbe Nacht an ein Spiel verlieren. Die Müdigkeit am nächsten Morgen verbuchte man als überschaubare Folge.

Irgendwann beginnt dann dieses Erwachsenenleben, von dem einem vorher erstaunlich wenig erzählt wurde.

Da ist die Arbeit mit all dem, was nach Feierabend gedanklich nicht automatisch im Büro bleibt. Vielleicht gibt es eine Familie und Kinder, deren Probleme selbstverständlich auch die eigenen werden. Geld kann knapp sein, die Gesundheit macht Ärger, am Haus muss etwas erledigt werden und irgendwo wartet garantiert ein Schreiben, auf das man reagieren sollte. Hat man zusätzlich noch ein paar Hobbys oder einen Garten, macht vielleicht einen Podcast oder besitzt auch nur den absurden Wunsch, gelegentlich Freunde zu treffen, füllen sich Abende und Wochenenden beinahe von selbst.

Knappe Zeit ist natürlich ärgerlich, aber sie ist gar nicht das eigentliche Problem. Schwerer wiegt die Schlagzahl der Dinge, die gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen und sich in die ohnehin knappe Zeit hineinwanzen.

Zwischen all diesen Dingen würde ich nämlich doch auch gerne noch spielen. So als Ausgleich. Ist dieser Wunsch vermessen? Im Tagesablauf wandert das nur immer weiter nach hinten, bis es irgendwann gegen 23:17 Uhr endlich an der Reihe wäre und am Ende doch flachfällt.

Herzlichen Glückwunsch, hier sind noch mehr Skill-Trees

Das ist ungefähr der Moment, an dem moderne Videospiele ihre besondere Form von Humor entwickeln.

Der Tag ist weitgehend erledigt. Man hat gearbeitet und den Alltag organisiert. Jetzt wären tatsächlich anderthalb oder zwei Stunden übrig.

Der Bildschirm geht an und das Rollenspiel möchte zunächst erklären, wie sich Stärke, Geschicklichkeit und Willenskraft gegenseitig beeinflussen. Kurz darauf öffnet sich ein Skill-Tree, der sich bei näherer Betrachtung als einer von mehreren Skill-Trees herausstellt. Außerdem gibt es Runen, Ausrüstungseffekte und zwölf noch nicht verteilte Fertigkeitspunkte.

Wollte ich nicht eigentlich nur spielen? Das Spiel hat offenbar einen Fortbildungskurs vorbereitet.

Natürlich kann man modernen Spielen daraus kaum einen Vorwurf machen. Schließlich haben wir uns über größere Welten, komplexere Systeme und Geschichten gefreut, in denen man wochenlang versinken kann. Nur setzt dieses Versinken voraus, dass man die geistigen Ressourcen dafür noch besitzt.

Auch das Versprechen von „über 100 Stunden Spielzeit“ klingt heute anders als früher. Bei einer Stunde am Abend sind das hundert Abende. Und das setzt voraus, dass ich beim nächsten Einstieg noch weiß, warum dieser Herzog aus einer Stadt, deren Namen ich längst vergessen habe, dringend ein magisches Amulett von mir benötigt.

Dazu kommt ein Luxusproblem, das wir früher so kaum kannten: Es gibt zu viele Spiele.

Sales, Abos und digitale Stores sorgen dafür, dass praktisch jederzeit etwas Neues verfügbar ist. Die eigene Bibliothek wächst schneller, als man sie jemals leer spielen könnte. Und ausgerechnet wenn endlich zwei freie Stunden auftauchen, verbringt man einen Teil davon lustlos damit, durch diesen Katalog zu scrollen.

Unsere Diskettenbox war damals auch nicht leer, aber die Auswahl war überschaubarer. Wir hatten ja nichts. Aber wir wussten ziemlich genau, welche Spiele darin die geilsten waren. Also wurde gespielt, was faszinierte. Und wenn es faszinierte, wurde es eben noch einmal gespielt.

Heute müsste theoretisch jederzeit irgendwo noch etwas Besseres warten. Gerade diese permanente Verfügbarkeit macht die Auswahl aber schwerer. Spiele gibt es im Überfluss, unsere Entscheidungskraft ist dagegen ein begrenztes Gut. Und so sitzt man vor hundert Titeln und hat auf keinen so richtig Lust.

Zwei freie Stunden sind noch lange keine Freizeit

Doch selbst wenn ich weiß, was ich spielen möchte, bleibt eine weitere Hürde.

Es gibt diese Abende, an denen die ein bis zwei Stunden tatsächlich vorhanden wären. Niemand erwartet in diesem Moment etwas von mir. Der Rechner steht bereit, das Spiel ebenfalls.

Und trotzdem starte ich es nicht.

Das Spiel an sich hat damit wenig zu tun. Denn wenn ich die Hürde genommen habe und wirklich ins Spiel reinkomme, funktioniert das Eintauchen im besten Fall erstaunlich gut. Dann rückt die Geschichte nach vorne oder ich fluche über einen Gegner, der andere Vorstellungen von einem gelungenen Abend hat als ich.

Die schwierige Phase liegt davor. Es sind diese Minuten zwischen „Jetzt hätte ich Zeit“ und „Ich spiele jetzt“.

Genau dort meldet sich die Außenwelt noch einmal zu Wort. Das Problem bei der Arbeit ist morgen noch ein Problem. Eine finanzielle Sorge verschwindet nicht, weil ich einen Controller in die Hand nehme. Wenn eines der Kinder Schwierigkeiten hat, löst sich das ebenfalls nicht durch zwei erfolgreiche Quests.

Man könnte sagen: Dann denk eben zwei Stunden nicht daran.

So einfach funktioniert das nicht. Selbst wenn es gelingt, die Probleme während des Spielens auszublenden, weiß man vorher, dass sie danach wieder da sein werden. Man verlässt sie nicht, man unterbricht nur ihre Bearbeitung.

Vielleicht beneide ich mein jüngeres Ich deshalb weniger um seine viele Freizeit als um dessen Sorglosigkeit.

Wobei Sorglosigkeit eigentlich das falsche Wort ist. Auch Kinder haben Sorgen. Aber in einer guten Kindheit trägt man deutlich weniger Verantwortung für den Ablauf des eigenen Lebens. Schule beginnt und endet. Ferien stehen im Kalender, ohne dass man dafür beim Arbeitgeber einen Antrag ausfüllen muss. Vor allem muss eine Zwölfjährige in aller Regel nicht gleichzeitig überlegen, wie eine Rechnung bezahlt, ein Familienproblem gelöst und der nächste Arbeitstag organisiert wird.

Diese Art von Sorglosigkeit können wir als Erwachsene kaum zurückholen. Aber vielleicht lässt sich etwas von ihrer Struktur wiederherstellen.

Freizeit, die sich rechtfertigen muss

Merkwürdigerweise fällt mir das bei anderen Formen der Unterhaltung oft leichter.

Wenn wir beschließen, am Abend einen Film anzuschauen, scheint die Sache schnell geklärt. Zwei Stunden später ist er normalerweise vorbei. Außerdem kann solche Zeit gemeinsam verbracht werden. Unterhaltung und gemeinsame Zeit fallen zusammen.

Ein Film lässt zudem zu, dass die Gedanken zwischendurch abschweifen. Man kann dieselben Sorgen nebenbei noch etwas im Kopf hin- und herschieben. Das ist für die Erholung vermutlich nicht ideal, fühlt sich aber seltsamerweise beruhigend an.

Ein Spiel verlangt stärker, dass man sich wirklich auf dieses eine Ding einlässt. Natürlich gibt es Koop- und Partyspiele. Wenn ich aber von der Essenz meines Hobbys spreche, meine ich etwas anderes: selbst in eine Welt einzutauchen, ihre Regeln zu verstehen und mich konzentriert mit ihr zu beschäftigen.

Das ist häufig Zeit für mich allein. Und genau diese Zeit scheint eine besondere Begründungspflicht zu besitzen.

Die Psychologie kennt für das ungute Gefühl, Freizeit zu verbringen, obwohl man glaubt, diese Zeit eigentlich sinnvoller nutzen zu sollen, sogar einen Begriff: Leisure Guilt, vereinfacht gesagt das schlechte Gewissen beim Nichtstun oder bei vermeintlich unproduktiven Freizeitaktivitäten. Solche Schuldgefühle können die positiven Wirkungen von Freizeit beeinträchtigen und treten offenbar besonders leicht auf, wenn wir sie allein verbringen.

Ob wir uns für zwei Stunden Baldur’s Gate tatsächlich stärker rechtfertigen als für zwei Stunden Netflix, sei dahingestellt. Aber es passt verdächtig gut zu dem Gefühl, das viele Videospielabende schon vor dem Start sabotiert.

Denn die eigentliche Frage ist: Erlaube ich mir wirklich, zwei Stunden dafür zu verwenden?

Und vor allem: Wie versetze ich mich in einen Zustand, in dem diese zwei Stunden wirklich frei sind?

Frei im Kalender ist das eine. Aber bin ich auch frei genug im Kopf?

Ich möchte nicht erst eine innere Gerichtsverhandlung führen, bevor ich das Spiel starte. Währenddessen soll nicht das Gefühl bleiben, diese Zeit eigentlich gestohlen zu haben. Und danach möchte ich keine Bilanz darüber aufstellen, ob zwei Stunden in einem Videospiel zu verbringen angesichts all der anderen Dinge nun eine verantwortungsvolle Entscheidung waren.

Vielleicht fühlt es sich manchmal nur deshalb nach „zu alt zum Zocken“ an, weil der Weg zum unbeschwerten Spielen schwieriger geworden ist. Die Freude an Videospielen ist schließlich immer noch da.

Früher genügte dafür ein wenig freie Zeit. Heute muss ich es schaffen, auch den Kopf dafür frei zu bekommen. Mit etwas Übung gelingt mir das inzwischen relativ gut.

 

– Fortsetzung folgt –
Im zweiten Teil stelle ich Überlegungen an, wie wir das Spielen trotz all der Dinge, die im Kopf und im Alltag mitlaufen, wirklich genießen können.

 
 


■ SPIELRAUM IM KOPF – Videospiele weitergedacht.

 
 

Nachhall

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