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Alter Zocker oder zu alt zum Zocken? – Teil 2

Alter Zocker oder zu alt zum Zocken? – Teil 2

Vorwort: Diese Kolumne ist ein Zweiteiler. Im ersten Teil ging es um die Frage, warum ein Hobby, das vielen von uns schon seit Jahrzehnten Freude macht, im Erwachsenenleben so schwer zugänglich werden kann.

Dabei wurde mir klar: Es geht weniger ums eigentliche Alter oder um knappe Zeit als um das, was sich mit den Jahren rund um die freie Zeit angesammelt hat. Offene Baustellen, Verantwortung, ein Kopf, der nicht einfach abschaltet, und eine schier endlose Auswahl an Spielen sind eben nicht die besten Voraussetzungen dafür, zwei freie Stunden wirklich unbeschwert zu spielen.

Darum geht es im zweiten Teil: Wie schaffe ich es, in dieser Zeit tatsächlich beim Spielen anzukommen?

… oder bin ich zu alt zum Zocken?

Freie Zeit ist knapp, aber sie ist gar nicht die größte Herausforderung. Solche Zeiträume kann ich mir schaffen. Den Ballast loszulassen und wirklich ins Spiel zu gehen, musste ich erst wieder üben. Inzwischen gelingt mir das deutlich besser.

Wie also lege ich die drängenden Angelegenheiten beiseite und erlaube mir, diese Zeit wirklich für etwas zu verwenden, das keinem anderen Zweck dient als meiner eigenen Freude?

Auch während nicht alles gut ist, darf etwas gut sein

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Computerspiele als Freizeitbeschäftigung oft abschätzig betrachtet wurden. Ein Rest dieses schlechten Gewissens sitzt tief. Dieses ständige Gefühl, das Spielen rechtfertigen zu müssen, wollte ich loswerden.

Mit dem Erwachsenwerden bekam dieses alte schlechte Gewissen weitere Schergen. Arbeit, Familie, Geld, Gesundheit und viele andere Dinge, um die man sich kümmern muss und die selten einfach erledigt sind. Dazu kommt die allgemeine Vorstellung, verantwortungsbewusste Menschen müssten beim Umgang mit Problemen gefälligst ernst genug aussehen. Daneben zieht der Wunsch, mich einfach zur eigenen Unterhaltung zurückzuziehen und ein Videospiel zu spielen, schnell den Kürzeren.

Das Kunststück besteht für mich darin, diese Dinge trotzdem für eine Weile liegenzulassen, ohne so zu tun, als wären sie nicht da. Fast schon eine meditative Aufgabe. Räucherstäbchen zünde ich vor dem Steam Deck trotzdem keine an.

Die Probleme sind da und machen sich gerne wichtig. Vor allem muss ich es aushalten, gerade nichts an ihnen zu tun. Je öfter mir das gelingt, desto weniger bestimmen sie meinen inneren Zustand. Und heute fällt es mir deutlich leichter, ihnen für eine Weile ihre Dringlichkeit zu nehmen.

Wir wollen trotz all unserer Probleme Zeit zum Leben finden. Als gäbe es dort das eigentliche Leben und daneben eine Ansammlung lästiger Störungen, die irgendwann hoffentlich verschwinden. Die Probleme sind keine Unterbrechung des Lebens. Sie sind das Framework des Lebens.

Manche Belastungen sind so groß, dass wenig Raum für anderes bleibt. Wenn eine Katastrophe droht, bin ich auch nicht immer in der Lage, fröhlich den Controller hochzuhalten und mir zu erklären, dass ich mich jetzt einfach für positives Denken entschieden habe. Schwierig wird es, wenn ich auf den problemlosen Zeitpunkt warte, an dem ich endlich wieder losgelöst meinem Hobby nachgehen kann. Auf den kann ich lange warten.

Früher ertappte ich mich oft bei dem Gedanken, dass ich jetzt nicht bei einem Spiel entspannen könne, weil gerade alles schiefläuft. Wenn das vorbei ist, kann ich mich auch wieder richtig auf dieses Spiel freuen. Dann habe ich den Kopf frei und die Kraft dafür.

Irgendwann habe ich dazu folgenden Satz aufgeschnappt:

Auch während nicht alles gut ist, darf etwas gut sein.

Dahinter steckt einer dieser abgenutzten Ratschläge: Bleib im Jetzt. Nicht über gestern grübeln, nicht über morgen sorgen.

Bei mir heißt das: Ich spiele jetzt dieses Spiel. Sei was wolle.

Sind meine Probleme unwichtig geworden? Nein. Ich ignoriere sie für eine begrenzte Zeit ganz bewusst, in einer fast genüsslich zelebrierten Form von Verantwortungslosigkeit. Für zwei Stunden können sie mich einfach mal.

Ich übernehme Verantwortung. Trotzdem schulde ich meinen Problemen nicht rund um die Uhr meine Aufmerksamkeit. Wer trotz Sorgen lacht oder sich begeistert einem Hobby widmet, wirkt schnell, als nehme er ernste Dinge nicht wichtig genug. Wie kann ich angesichts eines drohenden Weltuntergangs überhaupt an Videospiele denken?

Wenn ich jede Freude vertage, bis in meinem Umfeld endlich Ruhe herrscht und auch mein eigenes Leben keine offenen Fragen mehr enthält, werde ich vor allem sehr geübt darin, Freude niemals stattfinden zu lassen. Nichts davon muss jede freie Minute beherrschen.

Ein Spieleabend gehört deshalb mittlerweile nicht mehr ans Ende meiner Liste. So viel Egoismus genehmige ich mir einfach. Also nehme ich mir diese Freude auch dann, wenn genug anderes dagegenzusprechen scheint.

Und diese Freude liegt oft darin, für zwei Stunden in einer Spielwelt zu verschwinden. Ein paar Vorstellungen von verantwortungsvollem Handeln musste ich dafür über Bord werfen.

Spielen wäre eigentlich ziemlich gute Erholung

Nach Feierabend bin ich körperlich zwar zu Hause, im Kopf aber oft noch lange nicht. Die Erholungspsychologie hat für diesen Abstand einen Begriff: psychological detachment.

Ein gutes Spiel kann mir diesen Abstand verschaffen. Es zieht meine Aufmerksamkeit auf sich und gibt mir für eine Weile andere Probleme, die sich tatsächlich lösen lassen.

Nur muss ich dafür erst einmal ins Spiel hineinkommen. Und genau das erschweren mir oft jene Dinge, von denen ich Abstand brauche. Ein ziemlich absurder Widerspruch.

Bei mir funktioniert es besser, den Problemen einen festen Platz zu geben. Wenn klar ist, wann ich mich um eine Aufgabe kümmere, kann ich sie für eine Weile guten Gewissens loslassen. Sie ist wichtig, aber heute Abend werde ich sie ohnehin nicht mehr lösen. Morgen ist dafür der richtige Zeitpunkt.

Ich besitze die Probleme weiterhin, aber sie besitzen nicht automatisch jede freie Minute von mir. Das ist der Grad an Sorglosigkeit, den ich mit eigenen Mitteln erreichen kann.

Und dann starte ich das Spiel. Oder doch nicht?

Welches Spiel starte ich denn nun?

Und dann kann der Abend noch an dieser ganz banalen Frage scheitern.

Ich möchte die mühsam freigeräumten zwei Stunden eigentlich ungern mit der zögerlichen Auswahl eines Spiels verbringen. Früher hätte mich das vermutlich weniger gestört. Heute ärgert es mich deutlich mehr, wenn von ohnehin knapper Freizeit erst einmal zwanzig oder dreißig Minuten damit verschwinden, durch die Bibliothek zu scrollen und alles gegeneinander abzuwägen. Lieber das hier? Oder endlich jenes?

Dafür braucht es nicht einmal einen riesigen Pile of Shame. Meiner ist sogar relativ überschaubar. Ich kaufe Spiele meist recht bewusst und habe mir über die Jahre angewöhnt, bei Sales nicht jedem vermeintlichen Schnäppchen hinterherzulaufen. Der Sale kommt wieder. Trotzdem reichen schon diese paar Kandidaten, damit keiner mehr eindeutig die richtige Wahl ist.

Beim Kauf war das Gefühl oft noch ziemlich klar. Das will ich spielen. Irgendwann. Jetzt wäre dieses Irgendwann da, und plötzlich traue ich der Entscheidung meines Vergangenheits-Ichs nicht mehr über den Weg.

„Such halt einfach eins davon aus“, sage ich mir dann. Genau daran hängt es ja. Der Weg zur erhofften Erholung verlangt auch noch Abwägung und Entscheidungskraft. Dafür habe ich heute deutlich weniger Energie übrig als früher.

Mit hundert Spielen zur Auswahl wird die Sache kaum besser. Die Suche frisst nur noch mehr von jener Zeit, die ich eigentlich mit Spielen verbringen wollte.

Mein Gedanke: Ich verkleinere die Auswahl künstlich. Sieben, zehn, zwölf Spiele, völlig egal. Eine kleine Vorauswahl, auf die ich an so einem Abend überhaupt noch schaue. Ich will nur nicht wieder die ganze Bibliothek vor mir haben. Auf Steam lässt sich das mit Favoriten oder einer eigenen Sammlung ziemlich einfach ausprobieren.

Daraus muss nicht gleich ein Projekt werden. Eine beliebige Stelle in der Bibliothek, Münzwurf, ja oder nein, weiter zum nächsten. Regt sich bei einem ‚Nein‘ sofort Widerstand, ist die Entscheidung offenbar doch nicht so eindeutig – und das Spiel bleibt erst einmal in meiner Vorauswahl.

Und wenn selbst diese kleine Auswahl wieder zum Scrollen einlädt, wird der Kreis eben noch einmal kleiner gemacht. Das kostet mich einmal etwas Zeit, dafür habe ich anschließend eine deutlich bessere Entscheidungsgrundlage. Irgendwann bringt mir weiteres Herumsuchen einfach weniger, als die Auswahl einmal konsequent zu verkleinern.

Noch hartnäckiger ist die Vorstellung, irgendwo müsse ein besserer Kandidat lauern. Natürlich kann ich danebenliegen und nach einer halben Stunde feststellen, dass ich mir für diesen Abend ausgerechnet eine Gurke ausgesucht habe. Andererseits muss ich dieses Spiel irgendwann einmal für eine ziemlich gute Idee gehalten haben.

Ganz ausschließen kann ich einen Fehlgriff ohnehin nicht. Weiteres Herumsuchen kostet aber bereits Zeit und garantiert mir trotzdem nicht, dass ich am Ende das richtige Spiel erwische. Irgendwann muss ich einem Spiel diese Chance einfach geben. Und wenn es nach kurzer Zeit nichts taugt, darf ich es wieder weglegen. Dann war die Entscheidung eben falsch. Ärgerlich, aber immer noch besser, als den ganzen Abend damit zu verbringen, eine perfekte Entscheidung treffen zu wollen.

Mein vergleichsweise kleiner Backlog hält die Auswahl immerhin etwas im Zaum. Was Sales anbelangt, habe ich mir eine ordentliche Portion Selbstdisziplin antrainiert. Da eh genug vorhandene Spiele warten, lasse ich ein günstiges eben auch völlig unaufgeregt liegen.

Davon wird eine gewachsene Bibliothek natürlich nicht wieder kleiner. Der eigene Spielekatalog darf ruhig groß sein. Für den Spieleabend reicht aber eben ein kleiner Ausschnitt davon. Diese kleine Vorauswahl macht die Sache schon wesentlich zugänglicher.

Weniger Reibung, etwas mehr Struktur

Ganz ohne Struktur funktioniert es bei mir inzwischen nicht mehr. Eigentlich wäre mir bei einem Hobby lieber, dass sich vieles einfach aus dem Moment heraus ergibt.

Manchmal nehme ich mir einen Abend schon vorher fürs Spielen vor. Sonst füllt sich die Zeit zuverlässig mit allem Möglichen und das Spiel rutscht wieder in den Abgrund. Diese kleine Verabredung mit mir selbst soll aber nur dafür sorgen, dass das Spielen nicht hinter allem anderen zurücksteht.

Wenn ich nach einem langen Tag völlig erledigt bin, muss daraus deshalb noch lange kein Pflichttermin werden. Dann quäle ich mich gegen Mitternacht nicht noch eine halbe Stunde halb schläfrig durch ein Spiel, nur weil ich es mir vorgenommen hatte. Lieber warte ich auf einen Abend, an dem der Kopf noch etwas hergibt und zwei gute Stunden Spielen tatsächlich drin sind.

Und manche Spiele passen gerade schlicht nicht in mein Leben. Bei einem Rollenspiel mit 120 Stunden Umfang denke ich schon mal: Werde ich das jemals noch spielen? Umso attraktiver sind heute Spiele, die ich an wenigen Abenden abschließen kann oder bei denen ich nach einer Woche Pause sofort wieder anknüpfen kann.

Auch beim Schwierigkeitsgrad bin ich pragmatischer geworden. Wenn mir eine niedrigere Stufe mehr Freude bringt, gräme ich mich deswegen nicht. Hänge ich bei einem Rätsel fest, schaue ich inzwischen eben in einen Guide, bevor daraus Arbeit wird. Und wenn ein Spiel nach Stunden weiterhin nur verspricht, irgendwann später großartig zu werden, darf es liegenbleiben. Niemand verurteilt mich für diese Entscheidungen. Höchstens ich selbst.

Beim Spielen brauche ich eine gewisse Ausgelassenheit. Zu viel Ehrgeiz oder selbst auferlegte Regeln dürfen mir die nicht kaputtmachen.

Der alte Zocker

Als junger Zocker musste ich hauptsächlich herausfinden, welches Spiel ich spielen wollte. Heute muss ich zusätzlich herausfinden, unter welchen Umständen ich mich noch so darauf einlassen kann wie damals.

Nur meine eigene Vergangenheit möchte ich dabei nicht zum Maßstab machen. Die Schulzeit mit ihren endlosen Nachmittagen oder die verpflichtungsärmere Junggesellenzeit wirkt rückblickend schnell wie die bessere Zockerzeit.

Meine beste Zockerzeit hängt jedenfalls nicht an der Zahl freier Stunden. Sie ist die Zeit, in der ich tatsächlich mit allen Sinnen spiele und Freude daran habe. Ein freier Nachmittag vor dreißig Jahren hilft mir heute herzlich wenig, wenn ich den aktuellen Abend damit verbringe, nostalgisch über ihn nachzudenken.

Ein freier Nachmittag ist heute eben nicht mehr einfach nur ein freier Nachmittag. Diese alte Sorglosigkeit brauche ich gar nicht zurück. Die unerledigten Dinge gehören zum Leben und die schönen ebenso. Ich muss nicht erst sämtliche Schwierigkeiten beseitigen, bevor ich mir Zeit nehme, um mich an einem Videospiel zu erfreuen.

Und wer sagt eigentlich, dass meine beste Zockerzeit schon vorbei sein muss? Sie kann auch heute Abend sein.

Manchmal heißt das einfach: Controller in die Hand. Jetzt ist dieses Spiel dran.

Etwas musste ich als alter Zocker trotzdem neu lernen: der Freude am Spielen auch mitten im Sturm des Lebens ihren Platz zu geben.

Fühle ich mich also zu alt zum Zocken? – Nein, denn zum Altsein habe ich einfach keine Zeit.

 
 


■ SPIELRAUM IM KOPF – Videospiele weitergedacht.

 
 

Nachhall

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